Olympiatagebuch Rio 2016 Teil 5 – Ich habe SIE gesehen (sie mich offenbar nicht)…!

… die erste Mücke nach mehr als zweiwöchigem Aufenthalt in Brasilien, die potentiell das Zika-Virus hätte übertragen können – die plötzliche Dunkelheit um sie herum und der für sie unerträgliche Druck meiner Hand hat sie aus ihrem aufregenden Leben scheiden lassen. Die riesige Hysterie um den Zika-Virus und die „Killer-Mücken“ geht hier in Rio an uns völlig vorbei und ich behaupte sagen zu können, dass diejenigen, die die Gefahr einer Viruserkrankung als Grund für ein Olympia-Absage vorgeschoben haben, nur ein Alibi gesucht haben. Vielleicht sind es die kalten frostigen Winterwochen, die die Mücken haben weiter in Richtung Norden ziehen lassen, hier sind sie jedenfalls nicht mehr!

Was gibt es sonst zu berichten? MÜLL! Es ist unfassbar, wie viel Müll hier in Form von Plastik produziert wird. Das man im Olympia-Park Getränke in Plastik-Bechern ausschenkt, kann ich ja noch nachvollziehen (Glas könnte sich gut als Wurfobjekt eignen, aber Pappe würde es auch tun), aber dass einzelnes Obst (jeder Apfel, jede Banane ist einzeln in eine Tüte gewickelt!) in kleinen Plastiktüten bei uns in den Umkleiden angeboten wird, dass im Restaurant die Getränke teilweise in Plastikbechern serviert werden (und man bekommt mit jedem neuen Getränk einen neuen Becher) und dass Regenschirme in Plastiktüten gesteckt werden, bevor man in den Supermarkt geht, damit der Boden zumindest nicht vom tropfenden Schirm nass wird (Plastiküberzieher für meine Schuhe habe ich übrigens nicht bekommen, so dass der Boden trotzdem nass und rutschig war), ist eine Katastrophe! Es wundert mich nicht im Geringsten, dass sich hier im Vorfeld der Spiele etliche Wassersportler über die Zustände am und im Wasser beschwert haben, denn dort landet, durch den Wind getragen, ein Teil des Plastik-Wahnsinns. Das hat wohl auch die Regierung so gesehen und schnell noch ein paar „Müllboote“ (die gibt es tatsächlich neben den Müllautos) besorgt, die versuchen, den schwimmenden Dreck „abzufischen“. Im Fernsehen sieht man davon natürlich nichts, aber die Rennstrecke der Kanuten und Ruderer ist nicht unweit einer der größten Favelas der Welt und im Vergleich dazu sah mein unaufgeräumtes Kinderzimmer damals wie geleckt aus.

Genug der Hiobsbotschaften. Wenden wir uns einem Thema zu, dass ich als durchaus gut gelungen verkaufen würde, so jedenfalls wird es mir hier suggeriert – die Sicherheit. Die Polizei- und Militärpräsenz um die Sportstätten und auf den dorthin führenden Straßen ist beeindruckend. Nun mag manch eine(r) sagen, dass dies das schöne Bild von einem friedlichem Sportfest trübt, jedoch ist dies auch nur eine Reaktion auf Menschen, die solch einem friedlichen Event offenbar nichts abgewinnen können, welche Beweggründe auch immer dahinter stehen. Ich fühle mich sicher und sehe hier viele zehntausend Menschen, die dem Gesichtsausdruck nach dasselbe fühlen.

Ach ja, ich bin ja nicht nur zur Freude hier sondern auch um etwas zu arbeiten. Nach meinem letzten Rio-Tagebucheintrag durfte ich das Spiel der Amerikaner gegen die Australier leiten. Ich bin immer wieder erstaunt, dass Körpergröße, Masse und Kraft die Athletik in keinster Weise einschränken müssen. Als Schiedsrichter auf dem Feld kommt man sich zwischen diesen Muskelbergen ziemlich verloren vor. Dass Basketball schon sehr lange nicht mehr körperlos ist, ist kein Geheimnis, die Intensität der Kontakte und der Umgang mit dieser ist jedoch teilweise in eine Dimension vorgestoßen, die ich persönlich selten zuvor erlebt habe. Das Kuriose daran ist, dass das von den Spielern akzeptiert und einkalkuliert wird. Es ist dann sehr schwierig eine Balance zu finden, die auf der einen Seite ein für die Zuschauer attraktives Spiel darstellt, auf der anderen die Regeln des Spiels respektiert.

Nach einem weiteren Einsatz als „Standby“-Schiedsrichter am letzten Donnerstag hatte ich gestern das Spiel Frankreich gegen Venezuela auf dem Plan. Vom Papier her schien es deutlich für die Europäer zu sprechen, aber – wenn nicht bei Olympia – wo sonst könnte der vermeintliche Außenseiter zum Sieger werden. In diesem Fall war das Papier geduldig und hatte Recht und die Männer aus Mitteleuropa konnten sich schnell und sehr zufrieden ihrem Käse, Baguette und ein bisschen Rotwein zuwenden. Das Interessante an diesem Spiel war die Tipp-Off-Zeit – diese lag nämlich bei 22:30 Uhr Ortszeit, sprich 3:30 Uhr deutscher Zeit. In der ersten Woche während des Camps lag ich aufgrund der Zeitumstellung um diese Zeit längst im Bett und war ehrlich gesagt sehr froh, dass ich diese Herausforderung auch erst nach einer Turnierwoche bestehen durfte.

Heute (Sonnabend, 13. August) ist mein wirklich erster freier Tag und Regeneration ist für Schiedsrichter genauso wichtig wie für Sportler – also ist relaxen angesagt…

Robert